EILT! EILT! EILT!

Sehr geehrter Herr Steinmeier -

verzeihen Sie mir, wenn ich Sie, bei all Ihren schwierigen Amtsgeschäften, mit einem Problem behellige, das demgegenüber (nur auf den ersten Blick) als inferior erscheinen könnte.

Wenn nicht schnell etwas geschieht, wird die Bundesrepublik Deutschland bei der Prager Quadriennale 2015 erstmalig nicht vertreten sein - ausgerechnet in einem Jahr, in dem die Frage vor allem auch der kulturellen Annäherungsmöglichkeiten zwischen Ost- und Westeuropa mit größerer Dringlichkeit auf der Tagesordnung steht als in den vergangenen Jahren. Ich denke nicht, daß ich diese Einschätzung Ihnen gegenüber weitläufig begründen muß.

Die Gründe für dieses - erlauben Sie mir, es so zu nennen - Versagen gleich mehrerer gewichtiger Institutionen (des Internationalen Theaterinstituts, des Deutschen Bühnenvereins, der Akademie der Künste, des Goethe-Instituts in Prag, und, wie es scheint, leider auch des Außenministeriums) scheinen dabei, und dieser Sachverhalt mutet paradox an, nicht in einem erklärten Desinteresse dieser Institutionen an einer Teilnahme der Bundesrepublik an dieser wichtigen Ausstellung zu liegen (wie wollte ein solches Desinteresse sich auch begründen?), als vielmehr in einem schwer zu durchschauenden Kompetenzwirrwarr, untermischt mit Finanzkalamitäten und dem bürokratisch inkompatiblen Druck zügig zu treffender Entscheidungen. Es gibt, jedenfalls aus der sachlichen Perspektive, keinen einzigen nachvollziehbaren Grund, warum ausgerechnet die entfaltetste Theaterkultur Europas, nämlich die deutsche, auf dieser nur alle vier Jahre stattfindenden Schau ihres künstlerischen Leistungsvermögens abwesend sein sollte - eine Abwesenheit, die (zu Recht) entweder als Verfallserscheinung oder als Arroganz gedeutet werden muß. In beiden Fällen gerät die Bundesrepublik in ein für Ihre diplomatischen Bemühungen, verehrter Herr Steinmeier, abträgliches Licht. Aber auch nach Innen hin muß, das wollen wir nicht vergessen, die Nichtteilnahme Frustrationen und Entfremdungserscheinungen nach sich ziehen.

Das wäre um so bedauerlicher, als nach meinen Informationen, der Bund der Szenografen, der das diesjährige Quadriennale-Projekt entworfen und kuratiert hat, mit einem fix und fertigen, sehr eindrucksvollen Vorschlag aufwarten kann, zu dessen Realisierung in Prag ein, wie ich höre, minimaler Betrag von rd. 20.000 € erforderlich wäre. Angesichts der Summen, die in anderen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens für weit weniger kulturell wirkkräftige Machinationen bereitgestellt werden, ist schon fast peinlich, daß eine solch geringe Summe, trotz zahlreicher Telefonate, bisher offenbar nirgendwo aufzutreiben war. Die Prager Botschaft ließ mitteilen, daß diese Summe ihre etatlichen Möglichkeiten übersteigen würde; ohne das bezweifeln zu wollen, mutet die kommentarlos trockene Übermittlung dieses Sachverhalts, jedes außenpolitischen Elans ermangelnd, denn doch als unzureichend an - vor allem dann, wenn als Ersatz ein "Empfang im Palais Lobkowicz“ offeriert wird.

Daß ich mich in dieser Sache so nachdrücklich an Sie wende, sehr geehrter Herr Außenminister, verdankt sich dem Umstand, daß Frau Staatsministerin Grütters die Zuständigkeit in einem mir vorliegenden Schreiben an den Bund der Szenografen ausdrücklich Ihrem Ministerium und der auswärtigen Kulturpolitik zuspricht  - der Einsatz von Herrn Neumann vor vier Jahren wird expressis verbis als Ausnahme gewertet. Ob dieser Hinweis der Sache nach berechtigt ist, will ich hier nicht beurteilen, ich bitte nur darum, angesichts der übergeordneten Bedeutung der Sache eventuelle parteipolitische Erwägungen zurückzustellen.

Es bedarf, das ist mein Eindruck, einer raschen, persönlichen Entscheidung von Ihnen, sehr geehrter Herr Steinmeier. So einfach die Lösung des Knotens erscheint, so bitter wird, sollte er ungelöst bleiben, dieses Scheitern im Bewußtsein der beteiligten 168 deutschen Bühnenkünstler und des internationalen Publikums der Quadriennale  vermerkt werden.

Mit freundlichen Grüßen -


Frank-Patrick Steckel.
10.03.2015