die tageszeitung von heute

·         17.03.2015

 

Ein Funken Hoffnung?

KULTURAUSTAUSCH

Ein weltweit wichtiges Festival für Bühnenbildner, die Quadriennale in Prag, droht aus Geldmangel erstmals ohne Deutschland stattzufinden

VON STEFAN HOCHGESAND

 

Alfred Peter, 52, arbeitet gerade an seinem Bühnenbildentwurf für die Innsbrucker Festwochen der Alten Musik. Noch findet Peter das eigne Modell zu "glatt", es solle noch "prägnanter" werden. Richtig Sorgen zeichnet ihm aber gerade etwas anderes ins Gesicht: Die laut Insidern weltweit wichtigste und profilierteste Schau für Bühnenbild, die Prager Quadriennale (PQ), wird dieses Jahr womöglich ohne deutschen Auftritt stattfinden. Dabei war Deutschland immer mit dabei, seit 1967 - in Prag, der theaterverliebten Stadt mit so starker deutschsprachiger Tradition.

167 Künstler aus Deutschland hatten für 2015 schon gut 1.300 Entwürfe eigens für den deutschen Auftritt eingesandt, kuratiert erstmals vom Bund der Szenografen. Peter hat als Vorstandsmitglied des Vereins mit wenigen Unterstützern schon an die 300 Stunden dafür geschuftet, dass der Beitrag doch noch realisiert werden kann: eine 100 Kubikmeter große Kartenskulptur-Wolke. "Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, damit aus szenografischer Sicht zu präsentieren, wie vielfältig das deutsche Theater ist, nicht bloß an den Staatsopern, sondern auch in Plauen und Zwickau", so Peter bei einem Treffen in seinem Charlottenburger Atelier.

Doch weder das Auswärtige Amt noch die Bundesbeauftragte für Kultur und Medien (BKM), Monika Grütters, sagten verbindlich zu, den deutschen Auftritt im Juni in Prag zu bezahlen. Dabei hatte das Auswärtige Amt bis 2007 einen solchen Beitrag stets gefördert. Für 2011 strich man die Förderung plötzlich. Bernd Neumann (CDU) als Kulturminister sprang ein und finanzierte aus seinem Etat einen Großteil der 150.000 Euro. Das sei aber eine "einmalige Ausnahme" gewesen, die "als solche klar kommuniziert wurde", heißt es in einem Schreiben aus Grütters' Behörde an den Bund der Szenografen.

Ost-West-Kulturaustausch steht auf den Fahnen

Die Präsentation bei der Quadriennale falle "in das Gebiet der auswärtigen Kulturpolitik", also des Auswärtigen Amtes. Dort begrüße man es, "dass sich der Bund der Szenografen e.V. und die Hochschule für Bildende Künste Dresden an der diesjährigen Ausgabe beteiligen wollen", so ein Sprecher des Auswärtigen Amtes. Auch da macht man bislang aber keine Gelder locker, obwohl man sich sonst so gerne den Ost-West-Kulturaustausch auf die Fahnen schreibt.

Noch vor zwei Wochen hatte Kulturstaatsministerin Grütters in einer Rede betont, in Europa komme man mit dem Taschenrechner allein nicht weiter: "Um so wichtiger ist es, grenzüberschreitend, wo immer möglich, geschützte Räume zu schaffen für gegenseitiges Verstehen, Verständnis und Verständigung", so Grütters. Alles vergessen?

"Im stillschweigenden Canceln der Quadriennale sehen wir eine Missachtung unseres Berufes", sagt Peter. Weltweit gebe es ansonsten kein Kaleidoskop davon, was Bühnenbild 2015 sei. Wie konnte es so weit kommen, dass die Teilnahme an einem solch etablierten Event sich derart schwierig gestaltet?

Die Leitung der Prager Quadriennale liegt erstmals nicht mehr bei der Organisation Internationale des Scénographes, Techniciens et Architectes de Théâtre (OISTAT). Die Tschechische Republik zog sich aus der Förderung zurück, aber die Stadt Prag wollte das Festival keinesfalls verlieren. Im Oktober 2013 nahmen Prager Künstler und Kuratoren die Organisation in die Hand. Die konnten zu diesem Zeitpunkt den sonst üblichen Vorlauf für die Ausschreibungen nicht mehr ermöglichen.

In Deutschland war eben zu jener Zeit, Ende 2013, auch außen- und kulturpolitisch die Zeit der Koalitionsverhandlungen. Die Quadriennale ging da offenbar einfach unter, vermutet Alfred Peter. Das Internationale Theaterinstitut (ITI), bisher Organisator des deutschen Beitrags, habe damals keine Signale für eine Förderung erhalten und gab im Januar 2014 bekannt, man werde an dieser Quadriennale nicht teilnehmen, da "eine Realisierung eines deutschen Beitrags aufgrund seiner Größenordnung und auch seiner politischen Bedeutung ohne finanzielle Planungssicherheit zum damaligen Zeitpunkt nicht mehr gegeben war", wie es in einem Brief des ITI heißt.

Für Peter und den Bund der Szenografen kam das nicht in Frage: "Wir sind doch eine große Theaternation! Wir haben etwas zu erzählen! Deshalb haben wir uns im Januar 2014 bei der Quadriennale angemeldet." Dann initiierte der Bund die Ausschreibung, um Künstler für den deutschen Beitrag zu gewinnen.

"Uns wurde vom Auswärtigen Amt und von der Behörde der Kulturstaatsministerin in Telefongesprächen Hoffnungen gemacht, dass diese vergleichbar niedrigen Fördersummen doch noch kurzfristig möglich sind", sagt Peter. Deshalb habe man weitergemacht - "im naiven Glauben, dass das gewollt ist. Wir haben uns darin bestätigt gefühlt, dass wir das hinkriegen."

Eine zynische Einladung

Die letzte Absage kam vom Auswärtigen Amt mündlich Ende Januar 2015. Peter verstand die Welt nicht mehr: "Gleichzeitig mit der Absage der Prager Botschaft, was die Finanzierung angeht, sind wir zu deren Empfang eingeladen worden, zur Eröffnung der Prager Quadriennale. Der kostet doch auch bestimmt 5.000 Euro. Das ist doch zynisch!"

Im Februar 2014 organisierte man mit Hilfe der Akademie der Künste einen runden Tisch mit deutschen Akteuren rund um die Quadriennale. Hubert Eckart, Geschäftsführer der Deutschen Theatertechnischen Gesellschaft, signalisierte dort Unterstützung: Auf der Berliner Messe "Stage, Set, Scenery" wolle man die Cloud-Skulptur zeigen und im Gegenzug Transport und Logistik im Wert von rund 10.000 Euro für Prag bereitstellen. Etwa eine Halle in Hohen Neuendorf, um die Skulptur zu bauen. Im April soll diese begehbare Wolkenskulptur entstehen, zusammengesetzt aus den Einreichungen. Die Motive: Modellfotos und Kostümzeichnungen.

Für die Cloud fehlt laut Bund der Szenografen nur noch die vergleichsweise niedrige Fördersumme von 10.000 Euro. Für die Skulptur selbst liegen, obwohl Leute wie Peter völlig ehrenamtlich arbeiten, Kosten an, die nicht wegzudiskutieren sind, etwa die grafische Aufbereitung der Entwürfe und nichtentflammbares Spezialpapier.

Dabei gibt es nicht erst seit diesem Jahr Finanzierungsengpässe. Dr. Thomas Engel, Direktor des ITI, sagt gegenüber der taz: "Seit mindestens drei Ausgaben konnte der deutsche Beitrag nur unter beträchtlichen finanziellen und ehrenamtlichen personellen Anstrengungen der beteiligten Verbände realisiert werden. Das Auswärtige Amt und das Goethe-Institut priorisierten eine deutsche Beteiligung an der PQ nicht mehr."

Im Prager Goethe-Institut wehrt man sich gegen solche Vorwürfe. Man begrüße die Initiative des Bundes der Szenografen sogar, sagt Jacok Rácek, Leiter der Kulturprogramme dort, auf Nachfrage der taz - "zumal ihr Beitrag die Vielfalt der deutschen Theaterlandschaft abbilden würde". Einziger Haken: Dafür bräuchte man "enorme personelle und finanzielle Kapazitäten", so Rácek.

Hat der Bund der Szenografen den 167 beteiligten Künstlern also etwas vorgemacht? Peter kontert: "Wir haben die Künstler nicht darüber getäuscht, dass wir in sicherem Hafen wären. Wir haben gesagt: Das ist prekär, aber wir wollen es zusammen machen - damit ein Kaleidoskop der deutschen Szenografenlandschaft entsteht."

Der Raum im dritten Stock des Prager Kafka-Hauses für den deutschen Beitrag ist schon gemietet. Elf Tage für 242 Euro. Überschaubar. Wird dann eine Leerstelle das Dichterland Deutschland bei der internationalen Bühnenbildschau repräsentieren? Der taz liegen neue Hinweise vor, dass das Auswärtige Amt hinter den Kulissen doch im Austausch mit dem BKM steht, um mehr über die Hintergründe zu erfahren, warum dort nun, anders als 2011, eine Förderung abgelehnt wurde. Es gibt Anzeichen dafür, dass das Auswärtige Amt sich doch noch bemühen könnte, gemeinsam mit dem BKM eine Lösung zu finden. Der Szenografenbund erhielt am Freitag ein Angebot, über das heute verhandelt werden soll. Bislang sind aber keine verbindlichen Ansagen bekannt.

Dass Peter im Moment noch rackert und sich einen Funken Hoffnung bewahrt, dass die 10.000 Euro noch zusammenkommen, ändert nichts daran, dass er persönlich nicht einmal nach Prag fahren kann im Juni. Dann stehen die Innsbrucker Festwochen an, für die er gerade noch seinen Entwurf fertigt. Im Hauptberuf ist er nämlich nicht Kulturmanager, der Budgets an Land zieht, sondern Handwerker und Künstler.